MEINERZEN - MEINERZHAGEN 

 

Uwe Sträter 2007

Meinerzhagen - im Hintergrund die Erhebung des Ebbegebirges                                                                 Foto Uwe Sträter 2007 

 

Meinerzhagen – op Platt: Meinerzen – ist der Ort, dem Karl vom Ebbe seine ganze Aufmerksamkeit widmet.

Meinerzhagen ist eine Kleinstadt mit heute knapp 22.000 Einwohnern. Sie liegt am westlichen Rande der Großlandschaft des Sauerlandes in Nordrhein-Westfalen. Das Ebbegebirge – kurz: das Ebbe – von dem „Karl vom Ebbe“ seinen Namen entliehen hat, erstreckt sich von Meinerzhagen im Westen bis Plettenberg im Osten auf eine Länge von ca. 15 Kilometern. Die höchste Erhebung ist die Nordhelle mit 663 Metern über dem derzeitigen Meeresspiegel (wir wissen nicht, wie schnell die Polkappen schmelzen); sie liegt am nordöstlichen Rande der Meinerzhagener Gemarkung.

„Dat Ebbe“ ist die Heimat des Kleinbauern Kaal vam Ebbe (Karl vom Ebbe). Von dieser Warte schaut er auf Meinerzhagen hinab und beobachtet wohlwollend, aber auch kritisch das Geschehen in dieser sauerländisch-märkischen Gemeinde – in dieser Bezeichnung klingt noch die mittelalterliche Zugehörigkeit zur Grafschaft Mark an. Einige weitere Lagemerkmale: Meinerzhagen ist Teil des Märkischen Kreises (früher Kreis Lüdenscheid, davor Kreis Altena) im Regierungsbezirk Arnsberg im Landesteil Westfalen des Bindestrich-Bundeslandes NRW; die südwestlichen Nachbargemeinden Marienheide und Gummersbach gehören bereits zum Rheinland. 1969 wurde im Zuge einer Gemeindegebietsreform die Nachbargemeinde Valbert am Fuße des Ebbegebirges zu Meinerzhagen eingemeindet.

Das Gemeindegebiet liegt im Gebiet einer quellenreichen Wasserscheide: Die hier im Hochmoor "Grundlose" entspringende Lister speist die Listertalsperre und danach den Biggesee; die Genkel wird zur Genkeltalsperre gestaut; die hier entspringende Agger, die zwischendurch zur südlich von Meinerzhagen gelegenen Aggertalsperre aufgestaut wird, fließt bei Siegburg in die Sieg, einem Nebenfluss des Rheins; die Fürwigge und die Verse sind die Quellflüsschen der gleichnamigen nördlich gelegenen Talsperren, die später in die Lenne ableiten; die Volme fließt nach Norden und mündet bei Hagen in die Ruhr, und die im westlichen Nachbardorf Börlinghausen entspringende Wipper ist das Quellflüsschen der Wupper, die der Stadt Wuppertal ihren Namen gibt. Die Fürwigge-Talsperre liegt vollständig, die Genkel- und die Listertalsperre liegen teilweise auf Gemeindegebiet. Die Talsperren dienen zum Teil der überregionalen Trinkwassergewinnung, zum Teil zur Regulierung des Wasserstandes der Ruhr. Der Grund für den Wasserreichtum: Die Gegend um Meinerzhagen liegt in einem Gebiet mit einer der höchsten Niederschlagsmengen in Deutschland.Bis dahin bilden Meinerzhagen und Valbert gemeinsam das Amt Meinerzhagen.

Die Siedlungsentwicklung Meinerzhagens begann in einer Senke zwischen den Hügeln des Bambergs, des Schwarzenbergs, der Wahr und der Insel – rund um die auf einer kleinen Anhöhe platzierten alten (heute evangelischen) Kirche – eine Basilika, deren bauliche Anfänge ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Über die Jahrhunderte erfuhr der Ort einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung und eine diesem entsprechende Bevölkerungszunahme: Zwischen der Mitte des 18. und des 20. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung von 1.500 auf rd. 4.500 Einwohner. Die Gemeinde wurde in ihrer Entwicklung immer wieder zurückgeworfen durch verschiedene Großbrände, die große Teile des Ortes in Schutt und Asche legten. 

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Meinerzhagen um 1940

 

Karl vom Ebbe kommentiert diese Zeit, in der Bürgerwehren ("Schützen") die Siedlungen vor Überfällen bewahrten oder zumindest bewahren sollten:

"Grout was es nit, wat se Meinerzen nannten,
wou alle nasenlang dei Hüser afbrannten.
Gesindel trock dürch dei erbärmlichen Stroten,
dei Bagagen wullen alles metgohen loten.

 

Härren domols dei Schützen nit Pohl ehollen,

dei hejmischen Burschen, dei Jungen un Ollen,

härren dei nit luter no Schützenat

dei fremden Völker gründlik eschwat -
vie söten hie nit in diarsen gigantischen Hallen.
Meinerzen wör längs unger dei Räuber efallen."

 


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Foto Uwe Sträter 2007

 

Erst nach dem 2. Weltkrieg erfuhr das Industriestädtchen in einem weitgehend ländlich geprägten Umland einen erheblichen wirtschaftlichen Aufschwung vor allem in den metallverarbeitenden Branchen und Unternehmen, was mit einem deutlichen Bevölkerungswachstum einher ging. Dies kam zu einem bedeutenden Teil durch die Ansiedlung von Flüchtlingen und Vertriebenen, aber auch durch Zuzug aus dem krisengeplagten montanindustriellen Ruhrgebiet in den 1960er Jahren zustande. Das mit Abstand größte Unternehmen und der größte Arbeitgeber am Ort ist die Firma Otto Fuchs, die aus einer Messinggießerei hervorging und heute für die Luft- und Raumfahrt- und die Automobilindustrie, die Bauindustrie und den Maschinen- und Anlagebau produziert. Mit weltweit insgesamt 7.000 Beschäftigten, davon über 2.000 am Standort Meinerzhagen, zählt die familiengeführte Otto Fuchs KG zu den 500 umsatzstärksten Unternehmen in Deutschland. Andere Unternehmen, wie etwa der Spritzgussmaschinenhersteller Battenfeld – das Unternehmen hatte zu seinen Hoch-Zeiten über 1.000 Beschäftigte – wurden in den zurückliegenden Krisenjahren Opfer wirtschaftlicher Schwierigkeiten oder unternehmensstrategischer Fehlentscheidungen.

1964 erhielt Meinerzhagen erneut die Stadtrechte, die es schon einmal – 1765 – erhalten hatte, deren Privilegien aber mit der Einführung der Landgemeindeordnung 1856 verloren gingen. Karl vom Ebbe würdigte das bevorstehende Ereignis:

"Fürm halven Johr was et in dei Tiedunge esat:
Meinerzen weijt nu bolle ne richtige Stadt.
Wat me dotau brüket, me wejt et jo,
dat es sou termlik alle do:
En Rothus, en Park un en Houpen Polizisten,
Füerwehr, Gesangverein und en paar Kommunisten,
Schaulmester, Skatclub un Kiarmissbuden,
Postamt, Apothejke un en witten Juden,
Stadion, Tennisplatz und Bahnmesterigge,
Supschnuten, Halfstarke und ne Schnapsbrennerigge,
en Trop, dei op 'm groute Faute liawet,
un ejner, dei blous noch en Kuckuck kliawet,
ne Fußballmannschaft, dei houge klimmet,
un en Publikum, dat es düchtig diarn Schiedsrichter vertrimmet.
Dann noch ne groute Schanze, sou Guat well, met Matten,
domet springet me dann üewer sienen ejgenen Schatten."

 

Wenn man am Boden bleibt, ist man auf die Verkehrswege angewiesen. Meinerzhagen wird von der Bundesstraße B 54 durchquert, die vor dem Bau der Bundesautobahn A 45 („Sauerlandlinie“, sie führt seit den 1970er Jahren über das Gemeindegebiet) eine der beiden Verbindungsstraßen darstellte, die das Ruhrgebiet mit dem Siegerland verbanden. In den 1960er Jahren wurde der B 54, die mitten durch den Ortskern führte, ein Bypass in Form einer Umgehungsstraße um den Ortskern herum gelegt. Für sie musste Platz geschaffen werden, Grundstücke sollten aufgekauft und Häuser abgerissen werden. Karl vom Ebbe machte einen anderen Vorschlag: 

"Iëk meine, me süll dat ganz anders maken,
un loten stohn dei ollen Saken,
dei ollen Hüser und Tüne un Wia,
un gohen ejnfach drungerhia.
Vam Huckens August sienem Hittenstall,
bis echterm no Düennewiag siener Keielbahn!
So künn’ me stracks unger Meinerzen hialoupen,
un kein Mensche brüche wat te verkoupen.
Me brüche keinen Schirm, wamme hejme köm,
et kejk ouk keiner, wamme besuapen wör."

 

Der Bau der Eisenbahnlinie Brügge - Gummersbach um die vorletzte Jahrhundertwende schloss die Lücke in der eingleisigen Verbindung, die Meinerzhagen mit Hagen und dem Ruhrgebiet im Norden und Köln und dem Rheinland im Westen verbindet. Der Personenverkehr auf dieser Strecke wurde in den 1990er Jahren eingestellt. Aber es gibt Bemühungen, diesen Verkehr wieder aufzunehmen.

Der Sauerländer Menschenschlag ist eine Hardcore-Version des "sturen Westfalen". Karl vom Ebbe versucht, in seiner auf Platt gehaltenen Begrüßung des damaligen Bundeskanzlers Ludwig Erhard anlässlich einer Stippvisite (im Wahlkampf 1965), ihm die Mentalität der Menschen in Meinerzhagen etwas näher zu bringen:

"... un begrüße Ink in unsern hejmischen Gassen
op Platt – sou es mie dei Mule ’wassen.
Dat es dei Sproke in unsern Müern,
domet kamme sou richtig van Hiärten küern.
Wou Iät nu stot un maket Statioun,
dat es unsere junge Stadt met oller Traditioun.
Un alle, dei hie an dïern Stroten stund,
sit frouh, dat se in Meinerzen liäwen kunnt.
Sei arwet, dei Lü, nit blous met d’ Mule,
taum Glücke hä’ vie mej Flietige as Fule.
Awer stur kunnt se sien, es Ink sïeker bekannt,
et sit westfälische Dickköppe ut ejester Hand."


Karl vom Ebbe, als Kleinbauer in der landwirtschaftlichen Arbeits- und Lebenskultur verhaftet, beobachtete die Entwicklung Meinerzhagens in den Jahrzehnten der Expansion und des wirtschaftlichen Aufschwungs – den 1960er bis 1990er Jahren – und begleitete so manches mit wohlwollend-kritischen Kommentaren.

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Blick von der Wahr in den 1930er Jahren

 

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Verknüpfungen zu Webseiten, die über Meinerzhagen informieren:

> Die offizielle Webseite der Stadt Meinerzhagen

> Stichwort "Meinerzhagen" in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia

> Stichwort "Sauerland" in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia

> Meinerzen - die Seite der Ortsheimatpflege

> Heimatverein Meinerzhagen

> Schützengesellschaft Meinerzhagen

> Stadtmarketing Meinerzhagen

 

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